Bundeswehr auf Kinderfang

Einmal im »Wiesel« flott durchs Gelände – Girls’ Day bei der Bundeswehr in Bremen Foto: dpa

Die Bundeswehr weitet ihre Bemühungen zur Nachwuchswerbung immer stärker auf die Schulen aus. Mit großangelegten und teurer werdenden Auftritten will sich die Armee bei Jugendlichen als »attraktiver Arbeitgeber« in Szene setzen, um die wachsenden Nachwuchsprobleme in den Griff zu bekommen. 599 Präsentationen auf Messen und bei Ausstellungen in der ganzen Republik haben sich die Werber für dieses Jahr vorgenommen, wie die Bundesregierung auf Anfrage der Linken-Abgeordneten Ulla Jelpke mitteilte. Besonders begehrt sind Ausbildungs-, Freizeit- und Jugendmessen, die bevorzugt von arbeitsuchenden Jugendlichen oder deren Eltern besucht werden. So sind allein am kommenden Wochenende Militärwerber bei den Azubi- und Studientagen in Chemnitz, dem Berufsbasar in Nürnberg, der Lausitzschau in Senftenberg und der Ausbildungsmesse in Aalen mit »InfoTrucks«, »InfoMobilen« oder einfachen »Kofferständen« vertreten. Hinzu kommen 40 Einsätze des sogenannten Karriere-Treffs, der quer durchs Land tourt. Statt seriöser Informationen wartet diese rollende Reklametruppe mit einer Vielzahl sogenannter Eventmodule auf: »Showbühne, Segway, BwQuiz, Kletterwand sowie ein Fahr-/Flugsimulator« zählt die Regierung in ihrer Antwort auf. In der Regel werden vom »Zentralen Messe- und Eventmarketing« der Bundeswehr einheimische Musikbands für Auftritte angeheuert. Diese Veranstaltungen sollen 1,4 Millionen Euro kosten, die Messebeteiligungen weitere 1,2 Millionen – rund zehn Prozent mehr als im Vorjahr.

Für die »personelle Regeneration« der Truppe sind die Reklameeinsätze unverzichtbar. Denn nur ein Drittel der über 20000 Zeitsoldaten, die jährlich neu eingestellt werden müssen, stammen aus dem Potential der Wehrdienstleistenden, zwei Drittel werden dagegen »durch die externe Personalgewinnung« gedeckt, führt die Regierung aus.

Die Personalnot der Truppe ist schon länger bekannt: Spezialisten, die schon beim Militär sind, vor allem Piloten und Ärzte, laufen zunehmend ins zivile Lager über. Sie müssen dafür zwar 80000 bis 120000 Euro Ausbildungskosten zurückzahlen, werden aber nicht in gefährliche Einsatzgebiete verschickt. Auch bei Mannschaftsdienstgraden und Unteroffizieren sind die Bewerberzahlen nach Angaben des Bundeswehrverbandes im letzten Jahr um die Hälfte eingebrochen.

Für die Bundeswehr bedrohlich ist zudem, daß die Zahl der auf den Arbeitsmarkt drängenden Jugendlichen zurückgeht. Um zivilen Arbeitgebern zuvorzukommen, verlagert die Truppe ihre Bemühungen verstärkt in die Schulen: Um auf die 40 Auftritte der »Karriere-Tour« aufmerksam zu machen, wurden im vergangenen Jahr 1762 Schulleitungen angeschrieben, 50 Prozent mehr als 2007. Das Zentrum für Nachwuchsgewinnung West (zu dem das bevölkerungsstarke Nord­rhein-Westfalen gehört) will 2009 die Zahl der Anschreiben von 428 auf 1070 steigern. Auf die »normalen« Messestände werden bundesweit weitere rund 6600 Schulen hingewiesen.

Christian Schmidt (CSU), Parlamentarischer Staatssekretär im Verteidigungsministerium, beschwerte sich indes bei Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU), Jelpke habe sämtliche Militärtermine aus einer ähnlichen Anfrage des Vorjahres auf ihrer Homepage veröffentlicht und zu »phantasievollem Protest« aufgerufen. Die Linke-Abgeordnete kündigte am Mittwoch an, das erneut zu machen: »Gegen Militärpropaganda hilft zivile Aufklärung – mit Phantasie und Entschlossenheit!«


1 Antwort auf “Bundeswehr auf Kinderfang”


  1. 1 Bundeswehr will verstärkt Jugendliche ködern 05. März 2009 um 18:18 Uhr

    Pressemitteilung
    03.03.2009 – Ulla Jelpke
    Bundeswehr will verstärkt Jugendliche ködern

    „Die Bundeswehr drängt massiv in die Schulen, um Jugendliche als Nachwuchs zu ködern“, kommentiert Ulla Jelpke die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage (BT-Drs. 16/11798). Die innenpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE weiter:

    „Die rollenden Reklamekommandos der Bundeswehr haben mit seriöser Information nichts zu tun. Spaß, Technik und Abenteuer werden suggeriert – die blutige Realität des Militärdienstes bleibt außen vor. Der so genannte Karriere-Treff, der bundesweit 40 Städte ansteuern soll, besteht aus etlichen Eventmodulen: ‚Showbühne, Segway, BwQuiz, Kletterwand sowie ein Fahr-/Flugsimulator’ zählt die Bundesregierung auf, hinzu kommen noch Musikgruppen.

    Außerdem sollen die Zentren für Nachwuchsgewinnung in diesem Jahr 599mal ihre Militärwerber auf Messen entsenden. Im Vordergrund stehen Ausbildungs-, Jugend- und Freizeitmessen, die mutmaßlich besonders viele arbeitsuchende Jugendliche besuchen. Berufsschulen werden von den Militärwerbern auch direkt angesteuert.

    Die Nachwuchssorgen der Bundeswehr sollen offensichtlich durch die frühzeitige Ansprache Minderjähriger gelöst werden. Dem dient auch ein intensiviertes Bemühen, Schulkassen zu den Karriere-Treffs zu lotsen, die Zahl der entsprechenden Anschreiben an Schulen ist im vergangenen Jahr um 50 Prozent auf 1.762 gestiegen, das Zentrum für Nachwuchsgewinnung West will sie in diesem Jahr gar von 428 auf 1.070 steigern. Zur Imagepflege und Selbstvergewisserung der Militärs kommen außerdem noch mindestens 1.346 Auftritte militärischer Musikkorps und 148 öffentliche Gelöbnisse hinzu.

    DIE LINKE lehnt es ab, Minderjährige fürs Militärhandwerk zu ködern und dafür auch noch falsche Voraussetzungen zu suggerieren. Ich stelle sämtliche abgefragten Termine Friedens- und Antifa-Gruppen zur Verfügung. Gegen Militärpropaganda hilft zivile Aufklärung – mit Phantasie und Entschlossenheit.“

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