Kommando zurück

Schlechte Nachricht aus London: Der Kapitalismus wird nicht abgeschafft. Gipfel will Welthandel und IWF stärken sowie Finanzmärkte ein bißchen regulieren

Demonstranten beim G-20-Gipfel in London: Vermutlich wird der Kapitalismus bald gänzlich auf Demokratie verzichten wollen
Foto: AP

Was sollen zwei Dutzend Anführer gegen eine Krise tun, die sie nicht richtig begreifen, deren Wirkungen allerdings den Laissez-faire-Kapitalismus in Erklärungsnöte gebracht hat? Klar, etwas Publikumswirksames, etwas mit viel Geld und markigen Worten, das aber möglichst wenig am Status quo ändert. Der Londoner G-20-Gipfel bot genau das.

Show für das Publikum: Ein Auftrieb der vermeintlich Mächtigen dieser Erde in den Kulissen einer jahrhundertelang bewährten Schurkenökonomie. London als Gastgeber für ein Treffen der wichtigsten Wirtschaftsnationen zu wählen zeigt absoluten Beharrungswillen – denn außer New York und Berlin eignet sich die Themsemetropole wohl am wenigsten, um irgendeine Art Aufbruchsignal für die Ökonomie des 21. Jahrhunderts zu senden. Es ist die Stadt der alten Zöpfe, die heute im feinen Zwirn daherkommen und mit Zehnpfund-Noten den Demonstranten zuwinkten. Seit dem 17. Jahrhundert werden die Geldströme dieser Welt mit List und militärischer Gewalt über die Stadt lanciert, vieles blieb hängen, wenn man hinschaut. Früher wurden die Reichtümer aus den Kolonien gepreßt, zuletzt zockten die City-Broker ab, indem sie zusammen mit ihren Kumpels von der Wall Street den Rest der Welt mit Pyramidenspielen beglückten.

In diesem Ambiente stolzierte am Donnerstag ein US-Präsident nebst Gattin herum und versuchte gute Laune und Zuversicht zu verbreiten. Hier inszenierte der französische Staatschef wieder mal sich selbst und die deutsche Kanzlerin präsentierte ihre bewährten Sorgenfalten. Nur der Katzentisch war größer als üblich geraten –und an ihm saßen einige ziemlich kräftige und selbstbewußte Tiger, die einen größeren Teil der Beute für sich reklamieren.

Viel geborgtes Geld: 250 Milliarden Dollar sollen in den kommenden zwei Jahren die Globalisierung befeuern, also in den Welthandel gepumpt werden. Entwicklungsbanken sollen dafür sorgen, daß wieder Nachfrage in den armen Ländern generiert wird. Auch die längst ausgediente Finanzinquisition, genannt Internationaler Währungsfonds IWF, wird wohl zu neuen Ehren kommen. Das Gremium, dessen Kreditauflagen zahlreiche ärmere Staaten noch tiefer ins Elend gestürzt hatten und das auf Druck aus Südamerika und Asien eigentlich am Ende schien, soll in der neuen und besseren Welt noch mehr Geld erhalten, um sein Unwesen treiben zu können. Eine Billion Dollar sind verabredet.

Mehr Regulierung der Akteure an den Finanzmärkten wurde in London auch versprochen, wohl auch, weil Nicolas Sarkozy und Angela Merkel das Thema im Abschlußdokument erwähnt wissen wollten. Was davon Worthülsen sind, was tatsächlich geschehen wird, bleibt abzuwarten. Zumindest scheint das Problem der Austrocknung von »Steueroasen« mit gewissem Nachdruck betrieben zu werden.

Selbstverständlich wollen weder US-Präsident noch Gastgeber oder etwa der saudische König die Welt ändern. Zu sehr profitierten die Oligarchen und ihr Anhang in den jeweiligen Ländern und weltweit von dem neoliberalen Hype an den Märkten. Die schlechte Nachricht aus London lautet demnach: Kommando zurück, der Kapitalismus wird nicht abgeschafft.

Ein wenig Hoffnung gibt es dennoch. Die Krise bringt immer mehr Menschen auf die Idee, daß Profitsucht, Konsumrausch, Ressourcenvernichtung und ausufernde Gier die Welt nicht voranbringen können. Außer vielleicht in Deutschland. Dort befindet sich das Volk gerade in Schnäppchenlaune und verpulvert Steuermilliarden. Für Autos.





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